„Liebe mich dann am meisten, wenn ich es am wenigsten verdient habe, denn dann brauche ich es am nötigsten."

 Zitat von Helen Keller. 

 

Meine Tochter (8) rastet aus.

Wieder einmal ein Tag, an dem ich mich frage, was ich falsch gemacht habe. Mehr noch, ich bin mir sicher, einfach alles falsch gemacht zu haben. Sie verhält sich, als sei ihre Familie die Schlimmste auf der Welt. Sie schlägt ihren Bruder, bis es Tränen gibt, manipuliert mich nach Strich und Faden, schaut mich ungeniert frech an und sagt Dinge wie „ich gönne dir deine Ruhe nicht“.

Meine Tochter verhält sich öfter scheinbar nach einem inneren Motto, das ihr befiehlt, alles um sie herum dafür zu bestrafen, wenn sie sich nicht gut fühlt. Sie weiß genau, welche Knöpfe sie drücken muss, damit es weh tut, wie sie einen Streit gewinnt und wie sie erwirkt, dass ich verunsichert werde.

Zu oft geschieht es, dass ich nicht rechtzeitig schalte und persönlich nehme, was meine Tochter mir entgegen trägt. Oder ich bin bereits vom Tag so erschöpft und zerstreut, weil so viel in meinem Kopf herum schwirrt, dass eine ihrer Gemeinheiten mich wie ein Seitenhieb trifft. Obwohl ich weiß, es ist ein Kind. Obwohl ich weiß, es hat im Kern nichts mit mir zu tun. 

Andererseits – es hat alles mit mir zu tun. Was auch immer meine Tochter mir zeigt, ist ein Spiegel dessen, was in mir ist. Wenn ich keine liebevolle Atmosphäre verbreite, erfahre ich dies direkt im Verhalten meines Kindes. Sie wehrt sich gegen das, was ihr nicht gut tut, laut und vehement, ja, als Mutter ist dies schon die Ebene, auf der ich ihr Verhalten persönlich nehmen sollte. 

Das rebellische Verhalten von Kindern zeigt im Kern immer ein Bedürfnis. Wenn sie laut und provokativ handeln, dürfen wir uns fragen: Was braucht das Kind gerade? Worum geht es wirklich? Es ist wie bei uns Erwachsenen: Es geht nie um das vordergründige Objekt des Ärgers. 

Wir alle sind Kinder im Inneren

Der Kern des Konflikts ist nicht, dass das Kind den Brokkoli nicht essen möchte. Hinter der Verweigerung steht so viel mehr. 

Ich selbst erinnere mich daran, dass ich meine Eltern durch bewusstes Umgehen jeglicher Regeln zu Weißglut getrieben habe. Wenn es Streit mit meiner Mutter gab und alles, worum sie bat war, einige Minuten Ruhe zu haben, störte ich sie minütlich, um doch noch meinen Willen zu bekommen.

Jahre später fiel mir erst auf, dass dieser Prozess sich im Kern um etwas viel Tieferes drehte. Ich wollte die durch den Streit beeinträchtigte Beziehung wieder herstellen. Natürlich war es mir wichtig, dass ich bekomme, was ich möchte. Doch im Kern sehnte ich mich danach, dass meine Mutter mich sieht. Ich meine, dass sie mich richtig sieht. Dass ihr bewusst wird, wer ich bin, dadurch, dass sie meinem Wunsch ernst und mich darin wahr nimmt. Ich wollte erkannt werden – und geliebt sein für das, was ich bin. 

Außerdem wird mir bewusst: Auch heute als Erwachsene ertappe ich mich immer wieder in alten Mustern, die noch aus der Kindheit stammen – in nahen Beziehungen habe ich mich lange Zeit unbewusst zeitweise unmöglich verhalten. Es wurde mir erst im Nachhinein klar – etwas in mir, das Kind, das nicht sicher war, ob es liebenswert ist, wollte testen, ob die Liebe meines Gegenübers wirklich bedingungslos ist. Bin ich angenommen, unabhängig von meinem Verhalten? Lieben meine Eltern mich nur, wenn ich immer brav und angepasst bin? Wie weit kann ich gehen, bis die Geduld der Anderen am Ende ist – von deren Gunst ich als Kind maßgeblich abhängig war?

Ein unbewusster Glaubenssatz kann dahinter stecken, beispielsweise: Ich bin nicht voll und ganz liebenswert. Irgendwann sehen sie, wer ich wirklich bin und dann wenden sie sich von mir ab. Du wirst schon sehen! 

Was hilft?

Und schon verhält sich das tatsächliche oder innere Kind genau nach diesem Leitbild und provoziert damit das Verhalten im Aussen, welches es insgeheim erwartet.

Dies ist nur eine Möglichkeit dessen, was in solch heiklen Situation innerlich bei dem kleinen Menschen los sein könnte – doch ein häufiges Szenario.

Was schafft nun Abhilfe? 

Wenn wir uns tief hinein versetzen, wissen wir: Die Liebe allein, die bedingungslos immer wieder zeigt, dass ich als Elternteil sicher und vertrauenswürdig bin, kann solche Glaubenssätze auflösen. Der junge Mensch wird mit zunehmendem Alter immer mehr in die Eigenverantwortung gehen und erfahren, dass sein Wert nicht von der Meinung anderer abhängt – doch im Kindesalter liegt es an uns, diesen wertvollen Samen zu säen, um unseren Kindern einen guten Start in die Zukunft zu ermöglichen.

Ganz nebenbei ist es vollkommen normal, dass die Kleinen uns testen. Sie möchten uns spüren, sich selbst spüren und ihre Lebenswelt entdecken – Ursache und Wirkung sind höchst spannende Phänomene! So sagte die Tochter einer Freundin einmal zu ihr, als sie etwas nicht bekam, was sie wollte: Du bist die liebloseste Mutter, die ich kenne. Du interessierst dich überhaupt nicht für uns und wir sind dir vollkommen egal! Diese Mutter ist in Vollzeit zuhause und kümmert sich ausschließlich selbst gewählt um ihre Kinder.

Auf mehreren Ebenen ist in diesem Kind sicher etwas vorgegangen, doch es war vielleicht auch einfach ein: Hey, du ärgerst mich, ich ärgere dich. Ich möchte erfahren, wie es ist, handlungsfähig zu sein. 

Und du?

Wir dürfen wissen: Es ist nicht unsere Aufgabe, die besten Freunde unserer Kinder zu sein. Kumpel sein gehört nicht zu den Aspekten, die unseren Kindern vermitteln, dass sie sich auf uns verlassen können und dass sie geliebt sind. 

Es ist unsere Aufgabe, ein sicherer Ort für sie zu sein. Dies bieten wir durch einen klaren Rahmen, bedingungslose Liebe, ersichtliche Regeln und Grenzen, aber auch unsere ungeteilte Präsenz, unser Zuhören und ernstnehmen ihrer tieferen Bedürfnisse. 

Dies zu wissen, kann dich enorm entlasten. Du musst nicht alles tun, um es deinem Nachwuchs recht zu machen. Das ist nicht, was er braucht. Es geht auch um dein Wohlbefinden in der Beziehung. 

Wenn dein Kind also wieder einmal ausflippt: Erinnere dich daran, dass es eine Chance ist, es wieder einmal mehr und tiefer zu lieben. Auch, wenn du nicht tolerieren musst, dass das Kind respektlos mit dir umgeht – die tiefere Nachricht ist bei dir angekommen. Und vielleicht umarmt ihr euch einmal mehr. 

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AUTORIN: SARAH ACKER

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