Bereit sein zur Elternschaft – was bedeutet das eigentlich?

„Ich bin Mutter“, sagte eine eine Frau in den Vierzigern einmal zu mir, „ich habe keine Ahnung, was das eigentlich bedeutet und wie ich das in den letzten zwanzig Jahren alles gemacht habe.“

Ist das nicht spannend?

Da warten wir bis zum Sanktnimmerleinstag, um Kinder zu bekommen, weil wir uns noch nicht bereit fühlen. Plötzlich sind die lieben Kleinen aus dem Haus und wir haben das Gefühl, nach einem jahrelangen Vollwaschgang gar nicht mehr zu wissen, wo uns der Kopf steht. Hauptsache, beim Kind ist noch alles dran, denken wir nach dieser Achterbahnfahrt, hoffend, dass niemand merkt, dass wir für den Job eigentlich gar nicht qualifiziert waren. 

In der Tat ein gewöhnungsbedürftiger Gedanke – wir leben in einer Gesellschaft, die auf Zertifikate und Ausbildungen Wert legt, ja, unser eigener gefühlter Wert orientiert sich oftmals an unseren Qualifikationen. Und dann ist da der wichtigste Job von allen, der das rein biologische Überleben der Menschheit sichert, zu dem es keine einzige Ausbildung gibt- da müssen wir uns wohl auf einige Ratgeber und unseren Instinkt verlassen – und die vielen Therapieangebote, die im Erwachsenenalter wieder richten sollen, was die Eltern verbockt haben. 

Wie geht das nun vonstatten mit dem Eltern sein? Wann bin ich bereit, ein Kind in die Welt zu setzen? Was brauche ich? Ist die Grundlage ein sicherer Job- oder ist es gar Bedingung? Muss ich mindestens 80% selbstreflektiert sein, den/die richtige/n Partner*in haben oder mich innerlich von meinen Eltern losgelöst haben? Gespartes auf der Bank, ein eigenes Haus, eine Ausbildung im pädagogischen Bereich oder doch nur eine positive Lebenseinstellung?

Hier ein wenig Input zum weiteren Sinnieren– denn auch ich habe als Mutter von bald drei Kindern keine endgültige Antwort. Ich weiß nur: Ich war damals nicht bereit fürs erste Kind und nun bin ich nicht bereit fürs dritte Kind.

Ja, wie denn nun?

Jedes Kind ist anders und jede Erfahrung vollkommen neu- damals hatte ich noch nie ein erstes Kind und nun hatte ich noch nie drei Kinder, ich habe das noch nie gemacht, woher also soll ich wissen, wie es geht? 

Wenn ich zehn Familien mit drei Kindern befrage, erhalte ich zehn verschiedene Antworten. Mein drittes Kind ist vollkommen anders als das dritte Kind von Familie Becker. Und vor allem ich selbst bin völlig anders als jeder andere Elternteil dieser Welt. Ich habe meine eigene Geschichte mit meinen eigenen Triggern, Verletzungen und Erfolgen. 

Ich weiß nur eins: Was man braucht ist Mut. Mut, jeden einzelnen Tag neu aufzustehen und zu sagen: Ich habe keine Ahnung was kommt, aber ich stehe heute auf. Im Kern ist es die Angst vor dem puren Leben, die uns lähmt. Niemand kann vorhersagen, welche meiner Skills mein Kind braucht, um innerlich und auch äußerlich gesund aufzuwachsen. Da sind ein paar Basics, selbstverständlich, doch wir Menschen sind so viel komplexer.

„Ich bin noch nicht bereit“, magst du sagen, wenn das Kind in dir heranwächst. „Ich bin noch nicht bereit“, denkst du, wenn das Kind in die Grundschule kommt. „Ich bin noch nicht bereit“, schreist du innerlich zurück, wenn es dich in der Pubertät anbrüllt, dass es dich hasst. Und „ich bin noch nicht bereit“, weinst du, wenn es das Haus verlässt. 

Im Vorhinein bereit zu sein für etwas, das du noch nie gemacht hast, ist im Kern kaum möglich. 

Uns bleibt nur ein Mensch, von dem wir lernen können, bereit zu werden: Das Kind selbst. 

Jeden neuen Tag verändert es sich – und du dich mit. Diese ständige Bewegung ist, worauf du dich im Leben einlassen darfst. 

Hilfe! 

Wenn du gerade in einer Situation steckst, in der du diese Angst verspürst, den Herausforderungen nicht gewachsen zu sein, die auf dich zukommen, rufe ich dir zu: Fasse Vertrauen! Du hast als kleines Kind laufen gelernt. Du hast die Schule geschafft (trotz dieses schrecklichen Lehrers, erinnerst du dich?), den Führerschein gemacht und Freund*innen gewonnen, ja, auch da gab es ein erstes Aufeinandertreffen. Und – du hast dein eigenes Elternhaus überlebt. Vielleicht war das tatsächlich gar nicht so einfach und du hast als Kind einige Male gedacht, das schaffst du nicht. 

Doch heute bist du hier. Du bist schwanger oder Partner*in einer Schwangeren, dein Kind schreit die halbe Nacht oder hat jeden Tag fünf Wutanfälle. Du erlebst zum ersten Mal die pubertären Auswüchse eines Nachwuchses. All das tust du zum ersten Mal. Niemand hat dich darauf vorbereitet. Doch du steckst bereits mitten drin. Du tust es bereits. 

Ich war gestern mit meinen beiden Kindern im Schwimmbad, wo ich aufgrund meiner Schwangerschaftsmüdigkeit fast eingeschlafen bin. Meine Tochter hat mich den halben Tag angeschrien, weil... nun ja. Ich habe nicht funktioniert, wie sie das wollte. Ich bin um acht Uhr abends ins Bett gefallen mit dem Gefühl, niemals wieder aufstehen zu können. Ich habe mich erschöpft, allein und verlassen gefühlt. Heute morgen bin ich aufgewacht und habe mir ein Kaffee gemacht. Ich war nicht bereit. Doch ich tue es bereits. 

Du bist heute morgen aufgestanden, um einen Tag mehr deinem Leben zu begegnen. Einem Leben, welches jeden Tag Dinge für uns bereithält, auf die wir nicht vorbereitet waren. Herzlichen Glückwunsch. Ich meine das ernst. Wir schaffen das. 

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AUTORIN: SARAH ACKER

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