"Du machst das ja nicht für die anderen, sondern für dich!" – Wie Eltern mit dem Druck in der Schule umgehen können

Erinnern wir uns? Da saßen wir brav und drückten die harten und unbequemen Stühle in der äußerst langweilen Mathestunde – und von vorne wurden wir ermutigt mit: „Das machst du ja nicht für mich oder deine Eltern, sondern für dich.“

Hatten wir im Schulalter wirklich eine Vorstellung davon, was es bedeutet, welche Entscheidungen wir im Heute für unsere Zukunft treffen? Hat es uns wirklich interessiert, dass unsere Schulnoten unsere berufliche Laufbahn beeinflussen können – und haben wir verstanden, dass dieser nervige Schulkram etwas positives ist, das wir uns selbst schenken?

Ich bezweifle es. Wir warteten auf den lang ersehnten Schulgong. Und ich wage eine provokante These: Wir hatten Recht. Jeder Schüler, jede Schülerin, der/die mit eigener Meinung und Haltung der Schule gegenüber im Unterricht verweilt, hat Recht. Die, die wissbegierig alles aufsaugen und auf ein Bestabitur hinarbeiten – aber auch die, die nicht lieber ersehnen, als endlich in der Pause in der Raucherecke zu stehen.

Wie komme ich auf eine so absurd anmutende Behauptung? Ist nicht unser ganzes Sozial- und Wirtschaftssystem darauf aufgebaut, dass die Verlierer:innen in der Raucherecke stehen und die Gewinner:innen die Zusatzhausaufgaben machen? Wird uns nicht von klein auf eingebläut, dass wir zu funktionieren haben und uns unsere Zukunft zerstören, wenn wir jetzt nicht schon Leistung bringen und uns dadurch von der Masse abheben?

Nun, das stimmt. Doch die Leistungsgesellschaft hat etwas vergessen: Jeder Mensch hebt sich durch unterschiedliche Qualitäten von der Masse ab. Es wird mit großer Anstrengung versucht, diese Abhebungen einzukategorisieren, zu beurteilen und zu bewerten, als nützlich und unnütze abzustempeln und damit das System am Laufen zu halten – doch nach der Individualpsychologie folgt jeder Mensch seiner Lebenslinie, seinem insgeheimen Ziel, welches, oft unbewusst, seine Entscheidungen steuert und sein Leben in eine bestimmte Richtung lenkt. 

Wir folgen unserer Linie 

Hieraus ergibt sich eine Erklärung, warum bei den meisten Schüler:innen die gut gemeinten Ratschläge unaufgenommen im Äther verpuffen. 

Unsere Seele folgt nicht dem, was von aussen als klug und vernünftig vorgegeben wird. Wir folgen dem, was unser Gehirn durch unsere Erfahrungen als den sichersten Weg erachtet, unser geheimes Lebensziel zu erreichen: „Wenn ich erst über allem stehe, dann...“ „Wenn ich es geschafft habe, unsichtbar zu sein, dann...“ „Wenn ich die Schönste Frau weit und breit bin, dann...“ 

Unsere Lebensziele bauen sich auf aus dem, was wir aus unserer Kindheit mitnehmen und möchten uns helfen, die Hoffnung darauf zu schüren, dass es einen Tag X gibt, an dem wir glücklich und zufrieden sind, angekommen. 

Es bedeutet nicht, dass diese Lebensziele immer klug, bedacht und sinnvoll sind. Sie können uns auch einsam machen und von der Gemeinschaft abtrennen. Doch als junge Menschen, die noch nicht gelernt haben, sich zu reflektieren, ist uns dies nicht bewusst.

Also folgt unser Handeln im Kindes- und Jugendalter unseren unbewussten Programmierungen. Die Schule wird es daher nur schaffen, „uns zur Vernunft zu bringen“, wenn sie unseren Willen entweder bricht oder aber wenn die Anforderungen sowieso dem insgeheimen Lebensziel entsprechen, zum Beispiel „Wenn ich erst die Beste in allem hier bin, dann bin ich endlich liebenswert“. Somit zeigt die Haltung des Menschen der Schule gegenüber immer, ob dieses System ihm persönlich dient, oder nicht. 

Es ist von enormer Wichtigkeit zu wissen, dass die Motivation, zu lernen, wissbegierig zu sein und kreativ zu gestalten, in jedem Menschen vorhanden ist. Der Wunsch zur Weiterentwicklung entspricht unseren natürlichen Anlagen. Die Herangehensweise, jungen Menschen also von aussen Informationen einzuverleiben, die sie nicht interessieren, führt nur zu kurzfristigem Erfolg. Die Informationen landen allenfalls im Kurzzeitgedächtnis oder dienen dem simplen Zweck, die nächste Klassenstufe zu erreichen. Doch inhaltlich geht das Meiste an uns vorbei.

Der Druck bleibt trotzdem, oder? 

Diese Reflexion ändert nun jedoch nichts an den Gegebenheiten – es besteht Schulpflicht und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass wir für unsere Bildungschancen dankbar sein können und dürfen. In erster Linie zählt also die Perspektive. Doch dies gilt vorrangig für uns Erwachsene. Was können die Jugendlichen tun, die die Schulbank drücken und aus ihrer Haut nicht so einfach heraus können, es ganz schrecklich zu finden? Was können wir tun, um sie zu unterstützen?

Ein wichtiger Aspekt ist: Druck führt zu nichts. Als Eltern dürfen wir uns zuerst hinterfragen: Wo empfinde ich selbst gesellschaftlichen, sozialen oder persönlichen Druck darin, dass mein Kind dies oder jenes besonderes in der Schule leisten muss? Welche Anforderungen projiziere ich auf mein Kind? 

Als nächstes ist es ratsam, sich klar zu machen, wie viele wundervolle Möglichkeiten es heutzutage gibt, um den Druck von den Schultern aller Beteiligten weg zu nehmen und ein wenig mehr Luft zum Atmen zu lassen: 

Selbst, wenn ein Schüler/ eine Schülerin in der Hauptschule beginnt, ist der Weg zum Abitur und zum Studium bis weit ins Erwachsenenalter hin möglich. Ich selbst kenne einige Menschen, die noch als Erwachsene mit Familie ihr Abitur nachgeholt haben. Der beruhigende Gedanke dahinter: Es ist nicht alles verloren, wenn mein Kind schlechte Noten mit nach Hause bringt. Ich darf mich entspannen und dem Kind mit offenem Ohr, Liebe und Verständnis begegnen.

Wenn der Druck in der Familie weicht, weicht unter Umständen auch der Druck im Kind selbst. Ist die Familie ein sicherer Ort, bei dem nicht durch Leistung Liebe verdient werden muss, ist oft sogar eine Öffnung hin zu den Leistungsinhalten möglich, denn das Kind erlebt beides: Es ist zwar nicht immer bequem, doch ich kann auch über mich hinauswachsen. Und da ist ein Ort, an dem ich einfach sein darf. 

Wie können wir die Zeit gut gestalten?

Als Eltern können wir unserem Kind immer wieder Mut machen, dass es seinen eigenen Weg findet. Es ist nicht schlimm, wenn es eine sechs in Mathe hat. Ist es wirklich nicht. Vielleicht möchte es mit Mathematik wirklich nie etwas zu tun haben. Dafür ist es vielleicht sehr gut in Kunst. Oder umgekehrt. 

Wir müssen nicht in allem gut sein. Wir können als Menschen eine Nische wählen, in der wir uns zeigen können. Dazu muss nicht alles andere perfekt sitzen. Aussprüche wie: „Aber du kannst doch nicht... aber du musst doch auch...“ haben sich selten als hilfreich erwiesen – sowohl bei Kindern, als auch bei uns selbst. Es erzeugt seelischen Druck, somit gerät das Gehirn unter Stress, die Synapsen arbeiten langsamer und wir erreichen das genaue Gegenteil von dem, was ursprünglich gewünscht war.

Auch erhellend: Setze Schule in den Kontext des restlichen Lebens. Worum geht es wirklich? Welchen Stellenwert gibst du der Bildung in deinem Wertesystem? Wie viel Zeit möchtest du investieren, um deinem Kind auch andere Aspekte des Lebens nahe zu bringen, die in der Schule nicht gelehrt werden? Wie kannst du das Kind ganzheitlich abholen und auf das Leben vorbereiten?

Hab Mut: Lasse dem Kind inneren Freiraum, selbst zu entscheiden, welchen Stellenwert Bildung in seinem/ihrem Leben haben soll. „Das kann es doch noch gar nicht“, magst du einwenden. Richtig, doch das Kind tut es ohnehin, auch unreflektiert. Es stellt sich dazu oder dagegen, entsprechend seiner Lebenslinie. 

Daher tut es gut zu wissen, dass Kinder eigentlich immer kooperieren möchten. Selbst, wenn sie in einer rebellischen Haltung verharren, ist der tiefere Wunsch dahinter eigentlich nur: „Lass mich in einer sicheren Beziehung ich selbst sein und mich erleben – doch ohne, dass wir getrennt sein müssen.“ Somit ist eine entspannte Laufbahn durch die Schule gemeinsam möglich – und vielleicht sogar freudvoll.

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AUTORIN: SARAH ACKER
Kinder sitzen am Tisch und machen Hausaufgaben
Photo by Jessica Lewis on Unsplash

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