Dem Leben Raum geben – die Angst vor der Geburt verlieren

Der Horror Geburt

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, sagte Hermann Hesse und ich weiß nicht, ob er je das Glück hatte, einer Geburt beizuwohnen. Doch wenn eine Beschreibung nahezu abstandslos perfekt auf das Erlebnis einer Geburt passt, dann wohl diese.

Die Geburt neuen Lebens ist überall in der Natur einzigartig. Sowohl bei uns Menschen, als auch im Kreislauf der Natur allgemein ist Geburt der Nabel allen Lebens, ein Meilenstein. Das Ende einer Symbiose, der Anfang eines Atemzuges. Magisch.

Und doch... ein Schatten trübt das Wunder des Lebens. 

In unserer menschlichen Geschichte haben unterschiedlichste Umstände dafür gesorgt, dass unzählige Frauen, die Hüterinnen des Lebens in sich, unkontrollierte, fast panische Angst vor dem Erlebnis einer Geburt haben.

Das Leben zeigt sich so rau und unmittelbar, so ungeschönt, zauberhaft, pur und direkt durch ihren eigenen Körper, die Erfahrung ist überwältigend. Doch warum nur die Angst?

Woher kommt die Panik, die uns schon Monate vor dem errechneten Termin schlaflose Nächte bereiten kann? Woher kommt die Vorsicht, der Gedanke ans Krankenhaus, die intensive Beschäftigung mit möglichen Alternativen zum natürlichen Geburtsvorgang und Schmerzmitteln? Woher kommt der Gedanke, dass wir dem nicht gewachsen sind?

Die Entwicklung der Menschheit gründet sich unter anderem auf das Erzählen von Geschichten. Wir sind darauf ausgerichtet, auf Erfahrungen, Bildern und unserer Vergangenheit aufzubauen. Wir sitzen ums Feuer und lauschen Erzählungen aus längst vergangenen Tagen. Wir sitzen vor dem Fernseher und lassen uns bewegen von Geschichten, die unsere tiefsten Sehnsüchte, aber auch unsere tiefsten Ängste spiegeln. 

Wir lernen aus dem, was Menschen vor uns erlebt haben. 

Im Laufe unserer Vergangenheit entwickelte sich durch unterschiedlichste kulturelle und geschichtliche Aspekte der Glaube, Geburt sei ein Fluch, der über der Frau ausgesprochen worden war. Das Patriarchat tat mit der Wegnahme jeglicher Macht der Frau über Ihre Kraft und ihr eigenes Leben sein Übriges dazu.

Angst und Schmerz hängen unmittelbar zusammen

Diese Geschichten prägen uns und unsere Wahrnehmung zum Thema Geburt. Je öfter und eindrücklicher wir von Erzählungen über Angst, Schmerz, laute Schreie und Komplikationen hören, desto tiefer speichern sie sich in unserem System als Wahrheit ab. Was wir für wahr erachten, erleben wir. Unser Gehirn schafft unsere Realität aus den Geschichten, die ihm zur Verarbeitung zur Verfügung stehen. 

Wenn wir nun über Jahrzehnte hinweg lernen, dass Geburt schrecklich weh tut und eine furchtbare Grenzerfahrung ist, bei der wir allerhöchstens „Glück haben“ können, dass alles gut gegangen ist, wird sich unsere Seele und mit ihr unser Körper auf eine solche Erfahrung einstellen. 

Zudem kann unser Verstand nur mit dem arbeiten, was er weiß:

Viele Frauen haben nicht gelernt, wie ihr Körper arbeitet, um das Baby zur Welt zu bringen. Sie erfahren, dass ein Krankenhaus nötig ist, ärztliche Versorgung, Schmerzmittel unabdingbar, es sei denn, sie sind besonders hart im Nehmen. Von sanfter, stiller und friedvoller Niederkunft haben sie kein Bild. 

Die Kontrolle über eine gelungene Geburt wandert aus ihrem Körper weg in die Hände anderer Menschen.

Mit der Wegnahme der Kontrolle zieht die Angst ein. Mit der Angst verkrampft sich unter der Geburt der Körper und wirkt der natürlichen Öffnung entgegen, mit der das Kind eigentlich auf die Welt kommt. Der Muttermund öffnet sich schwer, die Muskeln arbeiten gegeneinander und unerträgliche Schmerzen entstehen. Nicht selten wird dann von einem Geburtsstillstand gesprochen und das Kind kommt durch einen Kaiserschnitt zur Welt. 

Doch warum gibt es so etwas wie ein Geburtsstillstand? Liegt nicht der Gedanke nahe, dass der Körper einer Frau sich nicht öffnet, weil sie sich, wie es auch bei Tieren in der Natur bei Gefahr der Fall ist, nicht sicher fühlt? Könnte es sein, dass unsere Körper so viel intelligenter sind, als wir vermuten?

War das immer schon so mit dem Schmerz und der Angst? 

Lange vor uns und bis heute existieren auch ganz andere Geburtsgeschichten: Frauen bringen überall auf der Welt ihre Kinder sanft, leicht und ohne das Empfinden von Schmerzen zur Welt, wie wir es kennen. Geburt ist für sie ein vollkommen natürlicher Vorgang, Teil des Lebens und etwas, zu dem ein weiblicher Körper als absolut in der Lage gesehen wird. Die Frauen sind in Kontrolle darüber, wie sie gebären möchten und haben Erfahrungen, die sie über sich hinaus wachsen lassen, die sie kraftvoll daraus hervor gehen lassen, mit tief schönen, positiv prägenden Erinnerungen und einem Ja zum Leben.

In vielen anderen Teilen unserer Welt ist es vollkommen an der Tagesordnung, dass Frauen ihre Kinder schnell, komplikationslos und ohne Drama zur Welt bringen. Die Geburt wird gefeiert und ohne Angst vollzogen. 

Der Unterschied darin liegt meist in einer komplett anderen Wahrnehmung zum Leben, zu unserem Körper und der Natürlichkeit der Geburtserfahrung. 

Die Frauen hören andere Geschichten. Somit glauben sie an eine andere Realität und erleben damit etwas anderes. Sie wissen, dass sie selbst die Expertin sind, in voller Kontrolle und sie haben die Freiheit zu entscheiden, wie sie sich die Geburt wünschen. 

Zudem haben sie ein tiefes Vertrauen in das Leben, ruhen in sich und wissen meist genau, wie ihr Körper arbeitet, um das Baby zur Welt zu bringen. So tun sie vor allem eins: Sie lassen sich fallen. Sie wissen, dass der Vorgang in ihrem Körper vertrauenswürdig ist und entspannen sich. Sie öffnen sich und lassen den Körper die Arbeit machen. Je entspannter eine Frau unter der Geburt ist, umso tiefer kann sie den Widerstand loslassen und mit dem Prozess gehen. 

Die Muskeln arbeiten natürlich, der Muttermund öffnet sich, das Kind gleitet heraus, wird viel mehr ausgeatmet als ausgepresst. Ist das nicht schon fast zu schön um wahr zu sein? Nun...

Hast du persönliche Tipps?

Ja! Ich selbst habe bereits zwei Geburten erlebt. Die Erste war traumatisch und entsprach ganz dem, was wir hier kennen. Eine entsetzt schreiende Frau in einem grell bestrahlten Kreißsaal, umringt von vielen fremden Menschen, mit unerträglichen Schmerzen und dem Gedanken „gleich ist es vorbei“. Ich war voller Angst. 

Die zweite Geburt war leise, sanft, schmerzfrei und wunderschön. Ich erinnere mich so gerne daran.

Nun stehe ich vor der Geburt meines dritten Kindes und – ich freue mich darauf!

Wie kann es sein, dass ich solch unterschiedliche Erfahrungen gemacht habe? Was kann ich daraus weitergeben?

Der entscheidende Unterschied war folgender:

Ich habe die kognitive Verbindung in meinem Gehirn zwischen Geburt und Schmerz getrennt und durch neue Geschichten, Erfahrungen und damit Möglichkeiten ersetzt. Zuerst habe ich entschieden, radikal zu fasten: Ich hielt mich fern von jeglichen Negativberichten aus Geburtserfahrungen anderer Frauen. Ich sprach nicht mehr mit Menschen, die der Überzeugung waren, dass Geburt weh tut. 

Stattdessen habe ich täglich Geschichten gelesen und sogar Videos im Internet angeschaut, bei denen ich zusehen konnte, wie Frauen eindeutig schmerzfrei und ohne medizinische Hilfe ihre Kinder zur Welt bringen. Damit habe ich meine Wahrnehmung und meine Glaubenssätze über Geburt geändert. Meine Synapsen haben sich neu verknüpft. Geburt war nun nicht mehr gleich Schmerz, sondern gleich Ruhe, Entspannung und Freude. 

Ergänzt habe ich diesen inneren Prozess durch Entspannungsübungen im Vorfeld (unser Körper kann am besten anwenden, was er vorher schon verinnerlicht hat) und Bildung darüber, wie mein Körper arbeitet , um das Baby zur Welt zu bringen. 

Die Kombination aus Wissen, Übung und Erfahrung durch Geschichten hat mich zu meiner zweiten, wundervollen Geburtserfahrung geführt. 

Wenn du dich ebenfalls all den Ängsten gegenüber siehst, ermutige ich dich von Herzen: Hab Vertrauen! Mit dem richtigen Handwerkszeug kannst du eine wunderschöne, selbstbestimmte und ja, auch schmerzfreie Geburt haben. 

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AUTORIN: SARAH ACKER

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